Opa Dietrich – ein Geschenk an meine blinde Urgroßmutter
Opa Dietrich

Opa Dietrich – ein Geschenk an meine blinde Urgroßmutter

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Opa Dietrich - ein Geschenk an meine blinde Urgroßmutter

14.06.2020

Opa Dietrich

Welches Geschenk schenkt man seiner Urgroßmutter, wenn man jung ist und kein Geld hat? In diesem Interview mit Jung & Alt  erzählt uns Opa Dietrich eine berührende Geschichte über seine Urgroßmutter Marie, seine ganz besondere Beziehung zu ihr und was er von ihr gelernt hat.

Jung und Alt Vitaritus
Opa Dietrich

Opa auf einen Blick

Name: Dietrich
Anzahl der Enkel: 3                     

So habe ich früher mein Geburtstag gefeiert:
In der Kindheit gab es Kaffee und Kuchen, als Jugendlicher Partys bis zum Abwinken. Mutters Grundsatz wurde jedoch respektiert: “Ihr könnt feiern, aber wenn ich morgen wieder komme ist alles aufgeräumt!”

“Ich habe von meiner Urgroßmutter Marie nie richtig Abschied nehmen dürfen. Sie war blind und hat mich Sonntags gelegentlich gefragt, ob ich sie zur nahegelegenen Kirche bringen könnte. Dann habe ich sie bei der Hand genommen und sie hin und zurück gebracht. Sie war dafür sehr dankbar und freundlich zu mir.  Gelegentlich, wenn sie am Kachelofen saß, hat sie mir dann sanft übers Haar gestrichen. Dann sagte sie einmal leise zu mir: “Du hast einen sehr schönen Namen, Du heißt Dietrich, nicht Dieter!”. “

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Opa Dietrich vor seiner Einschulung
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Opa Dietrich als junger Mann

Mein Geschenk für sie

“Zu Weihnachten wollte ich ihr etwas Schönes schenken. Zum Kaufen gab es 1953 für mich nichts, Geld hatte ich keines. So habe ich ihr ein Nadelkissen aus alten Wollfäden gewebt. In der Schule hatten wir Handarbeit. Mein Talent dabei wurde nur von einem Mädchen übertroffen. Ur-Omi Marie hat vor Freude still geweint, als sie meine Handarbeit befühlte. Sie hat es zwar nicht nutzen können, weil sie blind war, hat es aber nicht mehr aus der Hand gelegt. Sie war sehr dankbar für dieses Geschenk. Ich liebte sie dafür, weil sie meine Arbeit achtete. Bald darauf ist sie leider an Leberkrebs verstorben. Aufgrund des intensiven Lebergeruches und des ausgemergelten Anblickes durfte ich sie nicht im Sterbezimmer besuchen. Der Duft hat mich nie gestört. Ich hätte ihr sehr gerne zum Abschied die Hand geküsst.”

“Zwei Dinge hat sie mich gelehrt:

Der Wert eines Geschenkes ist nicht der Geldwert.

Den Wert deines Namens bestimmst du selbst, nein, erschaffst du selbst. Niemand braucht ein Pseudonym eine Abkürzung oder Verniedlichung seines Namens.”

Falls du Fragen, Ideen oder Anregungen für Jung & Alt hast, besuche unsere Über Uns Seite oder kontaktiere uns. Über Kommentare freuen wir uns sehr und geben diese natürlich an Opa Dietrich weiter.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Klara Tamara

    Eine sehr liebevolle Geschichte. Das Nadelkissen hat ihr bestimmt immer Kraft und Freude gegeben.
    Was so ein einfaches Geschenk bewirken kann.

  2. Reinhard

    Schade, dass die Erwachsenen den Abschied von der Oma nicht ermöglicht hatten. Da unterschätzt man heute noch die Kraft, aber auch das Bedürfnis von Kindern. Gleichwohl eine herzerwärmende „Geschichte“. Alles Gute Dietrich.

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