Opa Rudi – Die Auswanderung nach Amerika
Vitaritus - Jung & Alt Opa Rudis Hochzeit in Amerika

Opa Rudi – Die Auswanderung nach Amerika

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kategorie:Leben
  • Beitrags-Kommentare:18 Kommentare

Opa Rudi - Die Auswanderung nach Amerika

17.05.2020

Opa Rudi

Eine Auswanderung nach Amerika ist ein großer Schritt. Ein Schritt, den sich nicht viele Menschen einfach mal so trauen. Opa Rudi hat es gewagt und ist 1992 mit seiner Familie nach Amerika ausgewandert. Wie es zu seiner Auswanderung nach Amerika kam und welche Tipps er für all diejenigen hat, die sich überlegen irgendwann einmal auszuwandern, verrät er in seinem Interview mit Jung & Alt. Freu dich auf eine ganz besondere Geschichte über seine Auswanderung nach Amerika!

Vitaritus - Jung & Alt Opa Rudi als junger Mann
Opa Rudi als junger Mann

Opa Rudi auf einen Blick

Name:  Opa Rudi
Geburtsjahr:  1948
Wohnort:  New Jersey, Amerika
Anzahl der Enkel:  1
Lieblingsspiel:  Golf – „ich liebe das Spiel“
3 beschreibende Wörter: freundlich, gut gelaunt und hilfsbereit

„Als ich ein Kind war, sind wir oft umgezogen. Zuletzt sind wir nach Hermannstein, ein kleines Dorf bei Wetzlar gezogen. Ich war noch so jung, dass ich nicht viele Freunde hatte. Die Freundschaften haben erst in Hermannstein begonnen, nachdem ich mich mit allen „rumkloppen“ musste, damit sie mich akzeptierten. Ja, das war nicht so einfach. Aber es hat sich alles nach ein paar Monaten gelegt. Nach der Volksschule und meiner Lehre, die ich begann als ich 14 Jahre alt war, bin ich im Jahre 1968 zur Luftwaffe gegangen und habe mich für vier Jahre verpflichtet.“

„Damals hatte ich die Schnauze voll von Hermannstein. Von dem Kleinbürgerlichen, dem jeder-kennt-jeden und jeder-weiß-alles. Ich wollte einfach raus. Und für mich war die einzige Möglichkeit rauszukommen die Bundeswehr. Meine Eltern hatten nicht viel Geld und das hat damals die Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Das Gehalt war circa. 20 Mark in der Woche. Damit konntest du nicht leben, aber auch nicht sterben. Aber wenn man bedenkt, dass das Bier 30 Pfennig gekostet hat, konnte man davon schon ein paar Gläschen trinken! Abgesehen davon bekamen wir bei der Bundeswehr Essen, Trinken und einen Schlafplatz sowieso umsonst. Als Gegenleistung dafür musstest du dich halt ab und zu ein bisschen rumquälen.“

Vitaritus - Jung & Alt Opa Rudi und Schwester Lilo
Opa Rudi und seine Schwester Lilo bei ihrer Kommunion

So sehen meine deutschen Soldaten aus!

„Ich bin schnell aufgestiegen bei der Bundeswehr und bekam ein Jahr später die Möglichkeit, mich für eine Stelle in den USA an der Raketenschule zu bewerben. Das habe ich natürlich auch gemacht. Vor allem, weil ich dort keinen Schichtdienst mehr haben würde. In Deutschland hatten wir das. Zu meiner eigenen Überraschung haben die mich dann auch tatsächlich genommen. So bin ich 1971 nach Amerika und genauer gesagt nach El Paso, Texas, versetzt worden.“

„Das Lustige dabei war, dass mir im Vorhinein schon einige meiner Kameraden erzählt hatten, dass man dort kurze Haare haben muss. Dementsprechend habe ich mich auch vorbereitet und mir meine Haare kurz schneiden lassen. Als wir dort landeten und ich aus dem Flugzeug stieg, hat uns unter anderem auch der Kommandeur der deutschen Raketen-Luftwaffenschule erwartet. Er schaute mich direkt an und sagte zu mir: „Wie sehen Sie denn aus?“ Man muss sich vorstellen: ich war einer von Dreihundert und er sprach mich direkt an. Ich fragte mich: „Was ist denn jetzt los?!“ und wusste nicht so recht was ich antworten sollte. „Morgen gehen Sie erst einmal zum Friseur und danach melden sie sich bei mir!“ befahl der Kommandeur. Ich hatte kaum mehr Haare auf dem Kopf, aber es war ihm immer noch nicht kurz genug. Meine Haare waren nur noch so lang wie ein Daumen breit ist.

Trotzdem bin ich am nächsten Morgen gleich zum Friseur, um mir die Hälfte davon auch noch abschneiden zu lassen, um mich dann dem Kommandeur zu zeigen. Der sagte nur „Ja, so sehen meine deutschen Soldaten aus!“, und so fing ich dann meinen Dienst als Ausbilder an der Raketenschule in den USA an.“

Unser erster Ehekrach...

„Drei Jahre lang war ich dort. Nach eineinhalb Jahren habe ich meine Frau Graciella, eine Mexikanerin, kennengelernt und ein weiteres Jahr später haben wir geheiratet. Noch ein Jahr später haben wir unseren Sohn bekommen. Wir haben uns im NCO-Club beim Tanzen kennengelernt. NCO steht für Non Commissioned Officer. Es war also ein Club, nur für Unteroffiziere. Ich habe meine Frau dort kennengelernt und wir haben uns angefangen zu treffen. Das wurde dann immer mehr und immer mehr. Naja, und eines Tages habe ich sie dann gefragt, ob sie will und überraschender Weise hat sie „Ja“ gesagt.

Wir haben uns in einer kleinen katholischen Kapelle in Fort Bliss, unserer Militäranlage in der Stadt El Paso, Texas, trauen lassen. Gegen den Ratschlag vieler Leute! Sie haben mir davon abgeraten und gesagt: „Deutsch-Mexikanische Ehen fahren alle gegen den Baum. Die gehen alle kaputt.“ Aber ich kann nach nun bald 50 Jahren Ehe bestätigen, dass das bei uns nicht der Fall ist! Die Hochzeitsparty haben wir im Unteroffiziersheim gefeiert und sind am frühen Morgen nachhause verschwunden, da wir am nächsten Morgen eigentlich in den Urlaub fahren wollten! Aber ich musste erst noch das Unteroffiziersheim sauber machen. Deshalb bin ich früh morgens, an unserem 1. Ehetag, dorthin zurück. Noch immer saßen dort ein paar unserer Gäste herum und waren am Trinken! Also habe ich mich glatt dazu gesetzt und habe mitgemacht. Tja, und so kam es zu unserem ersten Ehekrach und wir mussten unseren Urlaub um einen Tag verschieben.“

Jung & Alt: Opa Rudis Hochzeit mit seiner Frau Graciella in Amerika
Opa Rudi & seine Frau Graciella an ihrer Hochzeit in Amerika im Jahre 1972

Die Auswanderung nach Amerika

„Nach dem Ende meiner Zeit in El Paso sind wir zurückgekehrt nach Deutschland, um nach Köln zu ziehen.“ Opa Rudi absolvierte sein letztes halbes Dienstjahr bei der Bundeswehr und schrieb sich danach an der Technikerschule in Köln ein, um seine mittlere Schulreife nachzuholen. Er absolvierte dort auch sein Technikerstudium; mit einem Notendurchschnitt von 1,2. Dazu sagte er in unserem Interview: „Ja, ja ich weiß: ich Streber!“ Anschließend begann er zu arbeiten.

„Während dieser Zeit ist mein Schwager in die USA ausgewandert und hat bald darauf dort seine eigene Firma gegründet. Er wollte unbedingt, dass ich ihm folgte, um bei ihm zu arbeiten. Ich wollte, aber gleichzeitig auch irgendwie nicht. Die Firma war neu gegründet und das Risiko des Scheiterns damit groß. Trotzdem haben wir uns geeinigt und wir sind tatsächlich wieder zurück in die USA gezogen. 1992, im April, haben wir dann alles in Deutschland aufgegeben und unsere Auswanderung nach Amerika begonnen. Unsere ganzen Möbel haben wir in einen Container gepackt und übers Meer schiffen lassen.“

Seitdem lebt Opa Rudi in Amerika, im Bundesstaat New Jersey und ist nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt. Nur für kurze Reisen, hauptsächlich beruflich. Sein Berufsleben gestaltete sich spannend. So spannend, dass Jung & Alt einen eigenen Beitrag dazu bringen wird.

Vitaritus - Jung & Alt Opa Rudi & sein Enkelsohn
Opa Rudi in Amerika mit seinem Enkelsohn Justin
Vitaritus - Jung & Alt Opa Rudi & Graciella im Urlaub
Opa Rudi & seine Frau in Mexiko

Opa Rudi, was magst du besonders an Amerika?

„Was ich hier mag, das sind die Leute und ich mag das Land, denn es ist einfach wunderschön und abwechslungsreich. Die Offenheit der Leute und die Gleichstellung der Leute ist das, was mir besonders gut gefällt. Hier ist es meinem Gesprächspartner egal ob ich Dr. Dr. Professor bin oder nur der einfache Schmitze-Kruse, er unterhält sich trotzdem ganz normal mit mir. Das habe ich auch sehr oft am eigenen Leib verspürt. Auch wenn ich in riesengroße Firmen hineinspaziert bin; alle haben mich so akzeptiert wie ich bin. Ich weiß nicht, wie das heutzutage in Deutschland ist, aber zu meinen Zeiten gab es da eine riesengroße Kluft zwischen den Normalsterblichen und „denen da oben“. Das hat man hier nicht.

Auch auf Äußerlichkeiten legt man hier nicht so viel Wert. Wie ich hier auf der Straße rumlaufe, das interessiert keinen! Das geht den allen am A**** vorbei! Jeder lebt hier auf seine Art und darf auf seine Art glücklich sein.

Und noch etwas: wenn ich hier angeln gehen will, dann nehme ich meine Angelrute, suche mir die nächste Pfütze und gehe angeln. Da brauche ich nicht vorher eine Angelprüfung abzulegen. Das sind einfach die Freiheiten, die man hier hat.“

Hast du Tipps für jemanden, der über eine Auswanderung nach Amerika nachdenkt?

Tipp 1: Es ist nicht alles Gold was glänzt und schon gar nicht in den USA! 

Tipp 2: Eine ziemlich gute Sache wäre es, wenn man die Möglichkeit hätte mit einer Firma, die etabliert ist, auszuwandern, sich also versetzen lässt. Damit hat man die Möglichkeit, die schönen aber auch die Schattenseiten zu sehen und trotzdem Absicherung zu haben.

Tipp 3: Wenn man es auf eigene Faust machen will: dann ist diese Story „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ großer Bullshit. Das gibt es heute nicht mehr. Vielleicht gab es das früher, aber heute gibt es das wirklich nicht mehr. Es ist schwierig, es ist wirklich nicht einfach! Ohne Firma im Rücken, die dir eine Arbeitsstelle besorgt und dafür sorgt, dass du krankenversichert bist. Unter diesen Umständen ist es hier schwerer als in Deutschland.

Tipp 4: Mein letzter Tipp ist Offenheit. Man kann nicht in ein anderes Land gehen, und alles so haben wollen, wie zuhause! Ich bin einmal dienstlich nach Deutschland geflogen und hinter mir saß ein Ehepaar mit Familie. Die waren nur am Motzen, wie furchtbar Amerika war. Eineinhalb Stunden lang und dann hat es mir gereicht. Also habe ich mich umgedreht, mich über meinen Sitz gelehnt und habe gesagt: „Warum seid ihr denn nicht einfach in eurem sch*** Dorf in Deutschland geblieben?“ Danach war endlich Ruhe. So eine Meckerei! Wenn ich nicht offen bin für Neues, das mir in einem anderen Land begegnet, dann muss ich halt zuhause bleiben.

Willst du nicht wieder nach Deutschland zurück?

„Ne! Es ist anders in Deutschland. Das heißt nicht, dass es besser oder schlechter ist. Es ist einfach nur anders. Immer wenn ich nach Deutschland kam, waren alle freundlich, außer ein Idioten-Tankwart, weil ich keine Ahnung hatte wie das mit dem Tanken ging. Aber solche Leute gibt es überall. Deutschland ist wunderschön, aber es ist mir alles einfach ein bisschen zu klein.

Als du ausgewandert bist, dachtest du, dass es für immer sein würde?

„Ich habe damit gerechnet, aber ich habe mich nicht festgelegt. Meinem Schwager habe ich damals auch klipp und klar gesagt, dass wenn das nicht klappt, ich auch wieder zurückgehe. Ich habe meine Zelte in Deutschland abgebrochen, das hätte ich auch mit den Zelten in den USA machen können. Das hätte mich nicht umgebracht, mir keine Angst gemacht. Genauso, wie es mir keine Angst gemacht hat, in die USA zu gehen.“

Mittlerweile sind Opa Rudi und seine Frau seit fünf Jahren amerikanische Staatsbürger. „An der Vereidigung habe ich meine Urkunde, unterzeichnet vom Präsident Mr. Obama, nicht Trump, bekommen und meinen Eid auf die Verfassung der USA abgelegt. Ja, und jetzt sind wir immer noch hier in Amerika, glücklich und warten bis der Sensenmann kommt.“

Falls du Fragen an Jung & Alt oder an Opa Rudi hast, besuche unsere Über Uns-Seite oder kontaktiere uns. Über Kommentare freuen wir uns und geben sie gerne an Opa Rudi weiter.

close

Der Jung & Alt Newsletter

Dieser Beitrag hat 18 Kommentare

  1. Reinhard Abraham

    Sehr international, direkt erzählt, ich finde das klasse.

  2. Alex

    Bin schon gespannt wie es weiter geht!

    1. Greta

      Wow, richtig gut geschrieben, Anne! Und sehr interessant hier noch so einiges über deine Familie zu lernen… Ich hoffe da kommt bald mehr. 🙂

  3. Ella Gojani

    Was für ein schönes Paar! Und eine tolle Geschichte, sehr spannend!

  4. Hermón Tega

    Ein echt toller Blog. Sehr interessant und direkt verfasst.
    Ich hoffe es kommen bald weitere tolle Erzählungen.
    Weiter so!

  5. Christel Niederstadt

    Das ist ein interessanter Lebensweg mit einer positiven Einstellung. Und zeigt: Nimm dein Leben in die Hand und mach das draus was für dich das Richtige ist.Hat wohl geklappt .Glückwunsch Opa Rudi.
    Freue mich auf die Fortsetzung. ?

    1. Anna

      Toller Beitrag! Mir gefällt dass er so offen über die Vor- und Nachteile vom Leben als Auswanderer spricht 🙂

  6. Natnael Tega

    Gut geschrieben und eine schöne Geschichte! Freue mich auf mehr.

  7. B. Brück-Abraham

    Sehr interessant und offen erzähl. Eine schöne Lebensgeschichte. Hoffentlich kommen noch mehr solche Beiträge.

  8. Peter GELLER

    Eine tolle und interessante Geschichte ?und überhaupt eine super Idee und gute Arbeit, die ihr da macht. Freue mich auf viele Fortsetzungen ???

    1. Konstanzia

      Toller Beitrag und toll geschrieben!? Außergewöhnliche und spannende Lebensgeschichte. Freue mich auf mehr!??

  9. Klara Tamara

    Das ist eine spannende Geschichte. Der Mann war mutig nach Amerika auszuwandern, hat dort sein Glück gefunden und ist zufrieden, was will man mehr vom Leben. Die Herausforderungen die das Leben ihm geboten hat, hat er angenommen und gemeistert. Bin gespannt wie es weiter geht.

  10. Friedel

    Interessanter Einblick in eine Lebensgeschichte. Einfühlsam geschrieben. Weiter so!

  11. Lilo

    Nicht alltäglicher Lebenslauf, schön geschildert. Hat mich gefreut und berührt.

  12. Britta

    Eine tolle Geschichte. Für diesen Lebensweg gehört viel Mut aber auch Glück hier und da und besonders die offene Einstellung zu allem Neuen. Weiterhin alles Gute Opa Rudi

Schreibe einen Kommentar