Wie das Leben eben so spielt – Oma Klara & Opa Peter
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Wie das Leben eben so spielt – Oma Klara & Opa Peter

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Oma Klara & Opa Peter - Wie das Leben eben so spielt... (Teil 2)

28.06.2020

Oma Klara & Opa Peter

Wie das Leben eben so spielt, ist es nicht immer leicht. Es ist oftmals eine Berg- und Talfahrt. Oma Klara und Opa Peter kennen das nur zu gut, denn sie haben in ihrer 50-jährigen Ehe Vieles zusammen gemeistert. Die Vorgeschichte zu diesem Beitrag findest du übrigens hier. Kurz nach Ihrer Hochzeit haben die beiden ihren Sohn verloren. Es ist eine schreckliche Geschichte mit Momenten, die man nicht fassen kann. Jung & Alt glaubt dennoch an die Wichtigkeit, auch auf die unschönen Ereignisse im Leben aufmerksam zu machen, damit jeder, dem es gerade nicht so gut geht weiß, dass er/sie nicht allein damit ist.

Opa Peter:
„Bevor wir heiraten konnten, mussten wir damals erst noch für volljährig erklärt werden, denn das waren wir beide mit 16 und 19 Jahren noch nicht. Für uns hieß das, dass wir den Weg nach Wetzlar zum Jugendrichter auf uns nehmen mussten. Dieser interviewte uns sehr lange. Weil ein Kind unterwegs war, ist auch noch ein Gutachter zu uns nach Hause gekommen, um sich das Kinderzimmer und die Wohnverhältnisse anzuschauen.“

Oma Klara:
„Ehrlich gesagt, wollte ich damals gar nicht heiraten, weil ich mich nicht reif genug dafür fühlte. Peter ging es ähnlich. Und deshalb würde ich jetzt auch jedem raten, niemals im Leben wegen eines Kindes zu heiraten. Meine Schwiegermutter hat immer gesagt: „Was sollen denn die Leute sagen?! Ihr müsst heiraten!“ So war das früher. Deshalb mein Rat: Lass dich von solchen Aussagen nicht einschüchtern.“

Opa Peter:
„Um das klar zustellen: ich hätte Klara geheiratet, auch wenn kein Kind unterwegs gewesen wäre, nur eben später.“

Oma Klara:
„Ja, das stimmt. Das war bei mir genauso. Ich wollte ihn unbedingt haben!“

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Oma Klara & Opa Peter an ihrer Hochzeit

Oma Klara:
„Im Januar, als wir heirateten, lag richtig viel Schnee und es war sehr kalt. Das Kind sollte im Juni des gleichen Jahres geboren werden. Allerdings bekam ich im zweiten und sechsten Monat Komplikationen, die Letztere so heftig, dass ich in das Wetzlarer Krankenhaus eingeliefert werden musste. Die Ärzte beschlossen Methoden durchzuführen, die es mir möglich machen würden, das Kind länger zu halten. Sie wollten zwei Tage nach meiner Einlieferung damit beginnen. Doch das war zu spät. Das Kind kam schon früher. Ich konnte es nicht länger halten. Nach der Geburt wurde das Kind, ein Junge, direkt mit Blaulicht nach Gießen in die Kinderklinik gebracht, da zu dieser Zeit kein Brutkasten im Krankenhaus vorhanden war, der für das Überleben des Frühchens notwendig gewesen wäre.“

Opa Peter:
„Ich war samstags, als Klara das Kind zur Welt brachte, am arbeiten. Meine Schwiegermutter kam angerannt und rief: „Du bist Papa geworden, du bist Papa geworden!“ Anstatt Glücksgefühle in mir auszulösen, trafen mich diese Worte wie ein Schlag ins Gesicht. Ich spürte, dass das nicht gut gehen konnte. Deshalb sagte ich: „Nein, das kann nicht sein.“ Aber meine Schwiegermutter schüttelte den Kopf: „Doch, doch du hast einen Sohn bekommen!“ Ich wollte unbedingt direkt zu Klara und dem Baby. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass das Kind mittlerweile in Gießen war. Deshalb bin ich zuerst zu Klara gefahren, die ganz aufgelöst war und versuchte sie zu trösten. Später machte ich mich auf den Weg zu unserem Baby in die Gießener Kinderklinik und meldete mich beim Pförtner an. Dieser telefonierte kurz und sagte dann zu mir, ich solle doch nochmal kurz Platz nehmen, es würde ein Arzt zu mir kommen. Da habe ich es erneut gespürt und sagte zu mir selbst: „Es stimmt etwas nicht, da ist was passiert!“ Ich hatte das einfach im Gespür. Direkt darauf kam der Arzt und bestätigte meine Befürchtung: „Es tut mir leid, ihr Kind ist vor ein paar Minuten verstorben.“

Oma Klara:
„Anschließend haben die Ärzte Peter gefragt, ob ich eine starke Raucherin gewesen wäre, denn der ganze Körper des Kindes wäre voller Nikotin gewesen. Ich hatte während der Schwangerschaft nicht eine Zigarette angefasst, da mir schon allein von dem Geruch des Tabaks schlecht wurde und ich mich während der ganzen Schwangerschaft übergeben musste. Allerdings bestimmte meine Mutter, dass ich in der ortsansässigen Zigarrenfabrik arbeiten musste. Sie hatte Angst, dass ich, wenn ich in Wetzlar eine Lehre machen würde, auf dem Weg dorthin entführt werden könnte. Dies hatte sicher mit ihrer Verschleppung nach Sibirien zu tun. “

Opa Peter:
„Als ich dem Arzt sagte, dass Klara kein einziges Mal geraucht hatte, sagte dieser, dass das nicht sein könne. Als ich ihm erklärte, dass Klara in einer Zigarrenfabrik gearbeitet hat, sah er dies als mögliche Ursache an.“

Opa Peter:
„Nach dem Gespräch durfte ich das Kind zum Abschied das erste Mal sehen. Das war auch unser Glück, wie es sich später herausstellen sollte! Ich redete mit dem Arzt darüber, welches Unternehmen das Kind überführen und beerdigen sollte. Ich fragte, ob ich das Kind nicht selbst abholen könnte. Es war ja nun wirklich nicht groß. Der Arzt antwortete: „Wenn Sie einen Sarg und ein Totenhemd besorgen, können sie das Kind am Montag abholen. Ich stelle Ihnen dann einen Transportschein aus, an dessen Route Sie sich von Gießen nach Königsberg halten müssen.“ Unser Sohn hatte, er lebte nur acht Stunden, auch eine Nottaufe und einen Namen bekommen: Sascha hieß er. Deshalb war der Prozess sehr formell. “

Opa Peter:
„So kam ich montags wieder, mit Sarg und Totenhemd, um die Leiche abzuholen und wurde in die Leichenhalle gebracht. Der zuständige Mitarbeiter, der mir das Kind übergeben sollte, fragte, ob ich das Kind vorher noch einmal sehen wolle. Ich wollte. Er zog die Bahre aus dem Fach und deckte das Kind auf. Ich wusste sofort: „Das ist nicht mein Kind!“ Der Angestellte antwortete: „Das ist das einzige Kind, das am Samstagmorgen gestorben ist.“ „Nein, das kann nicht sein. Das ist nicht mein Kind!“ Wir hatten großes Glück, dass ich es mir am Samstag schon habe zeigen lassen. Der Angestellte setzte dann wieder an: „Herr Steller, Sie sind so aufgeregt…“ Ich unterbrach ihn direkt, denn ich war mir sicher: „Nein, DAS IST NICHT MEIN KIND! Das nehme ich nicht mit!“ Ich ließ mich nicht überreden. Anschließend sind wir zusammen in die Kinderklinik gefahren, um dort mehr zu erfahren. Der Angestellte kam auf die Idee im Klinikkeller nachzuschauen, eine Art Zwischenstation zur Leichenhalle. Er hatte allerdings keinen Schlüssel. Von außen konnte man aber sehen, dass ein Kellerfenster leicht offen stand. So haben wir dieses aufgedrückt, sind dadurch hinein in den Keller geklettert und fanden dort unseren Sohn in einer Ecke, unter einem Leinentuch, in einer Plastik-Badewanne liegen. Ich wusste sofort: Das ist mein Sohn! Wir reichten das Kind mit der Plastikwanne durch das Fenster, verstauten es im Kofferraum und fuhren zur Leichenhalle. Hier wurde es eingesargt und ich konnte endlich meinen leiblichen Sohn mit nach Hause nehmen.

Opa Peter:
„Nachdem ich das Kind abgeholt hatte, bin ich zum Pfarrer gefahren. Dieser sagte: „Machen wir das doch so schnell wie möglich.“ Und schlug mir den Abend darauf als Termin vor. Dienstagabend um 17:00 Uhr, wenn es zum Feierabend läutet. Das war früher im Dorf so. Klara lag zu dieser Zeit immer noch im Krankenhaus und konnte bei der Beerdigung nicht dabei sein. Der Pfarrer erinnerte mich aber noch daran, dass bis dahin das Grab fertig sein musste. „Ich gehe direkt zum Totengräber“, antworte ich. Als ich beim Totengräber ankam, war dieser nicht da. „Er ist im Urlaub.“, gab mir seine Tochter Auskunft. „Auch das noch!“, schoss es mir da nur in den Kopf. Doch fiel mir kurze Zeit später ein, dass ein Onkel von mir dem Totengräber des Öfteren zur Hand ging. Also fuhr ich zu ihm und wir verabredeten uns für den nächsten Morgen, um gemeinsam das Grab auszuheben. So habe ich das Grab meines eigenen toten Sohnes ausgehoben. Das war sehr hart und gleich zu Beginn unserer Ehe eine traurige und schlimme Zeit. “

Oma Klara:
„Ich habe damals im Krankenhaus viel geweint.“

Vitaritus 2 Jung & Alt Opa Peter & Oma Klara mit Tochter & Enkel
Oma Klara (rechts) & Opa Peter (links) mit ihrer Tochter & ihrem Enkelsohn

Opa Peter:
„Ich bin sehr froh und stolz, dass wir in den nächsten 5 Jahren zwei gesunde Töchter bekommen haben, die ihren Lebens- und Berufsweg fest im Griff haben und dass wir das alles so gepackt haben, obwohl wir sehr jung geheiratet haben, was bestimmt nicht einfach war! Besonders stolz bin ich auf Klara, die die Kinder praktisch allein „erziehen“ musste, da ich in meinem Beruf einen 12-Stunden-Tag hatte. Wir haben nicht nur den Tod unseres Sohnes zusammen überstanden, sondern noch vieles mehr. Es gab eben Höhen und Tiefen im Leben.“ Es ist unfassbar, was Oma Klara und Opa Peter da erleben mussten. Gleichzeitig ist es unglaublich mutig dieses Stück ihrer Lebensgeschichte mit Jung & Alt zu teilen. Wir denken, sie wird vielen helfen und Hoffnung geben, dass nach schwierigen Zeiten im Leben auch wieder gute in Aussicht stehen! Lass Oma Klara und Opa Peter gerne einen Kommentar da oder kontaktiere uns direkt.

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Dieser Beitrag hat 13 Kommentare

  1. Beate Rahnert

    Es ist sehr ergreifend, was Klara und Peter erlebt haben. Ich bin sehr trauig darüber, daß Der kleine Sascha nicht leben durfte. Vielen Dank für den privaten Einblick über diesen Lebensabschnitt.

  2. Renate Schmidt

    Das Thema dieses Blogs ist sehr interessant – die Umsetzung ansprechend und gelungen.
    Und die Geschichte von Klara und Peter ist des Lebens ganze Fülle. Wir sind ein ganzes Stück Weg zusammen gegangen und ich bin sehr berührt.
    Ich finde es tapfer und mutig von den beiden, uns daran teilhaben zu lassen.
    Vielen Dank dafür und alle guten Wünsche.

  3. Reinhard

    Unglaublich…, dass ist ja beim Lesen schmerzlich. Bleibt weiter positiv gestimmt.

    1. Sybille Kettenmann

      Danke für das Teilen Eurer Lebensgeschichte. Sie berührt und gibt gleichzeitig Mut und Kraft das eigene Leben zu leben.

  4. Hanna

    Es ist schon sehr interessant, was man im Leben so alles durchmachen muss und es trotzdem erfolgreich meistert.
    Wir haben auch mit 19 Jahren verheiratet, deshalb weiß ich, wovon ich rede.

    1. Soula

      Ich war sehr traurig als ich vom diesen schweren und traurigen Schicksalsschlag von Klara und Peter gelesen habe! Ich finde es sehr mutig von ihnen dass sie uns daran teilhaben lassen! Es ist bewundernswert wie die zwei ihr Leben doch gemeistert haben!

  5. Michaela Linnemann

    Danke an Klara und Peter, das ihr eure ganz besondere Lebens- und Liebesgeschichte teilt. Sogar die tiefsten und traurigsten und dunkelsten Stunden in eurem Leben. Ich bin sehr berührt und mit ganz viel Mitgegefühl bei euch. Gleichzeitig macht ihr Mut das Liebe auch so tragische Verluste wie eures Saschas überwindet und zusammenhält.

    Danke, Herzensgruesse von Michaela

  6. Werner

    Da kommen mir die Tränen, wenn ich das so lese. Was die beiden, so jung, zusammen schon erleben mußten. Und anders herum bekommt der Spruch “In guten wie in schlechten Zeiten” wieder Bedeutung?

  7. Britta

    Ein so schlimmer Schicksalsschlag bereits in jungen Jahren am Anfang einer Beziehung zu durchleben ist hart. Umso schöner ist es, dass das Leben bei den beiden später auch viel Glück brachte.

  8. Sabine Schildbach

    Ein Schicksalsroman mit Fortsetzung. Auch der 2. Teil ist sehr berührend und ergreifend. Die Schicksalsbiografie kann man stellvertretend sehen für die Abertausenden von Menschen, die damals ebenfalls unvorstellbare leidvolle Erfahrungen gemacht haben. Aber zum Glück hielt das Schicksal auch schöne Erlebnisse bereit , wie die Geburt der beiden Töchter.
    Die ergreifendsten Geschichten schreibt das Schicksal selbst.
    Hochachtung vor Klara und Peter, wie sie ihr Schicksal meisterten.

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